Wiesbaden: Studiengang Angewandte Mathematik - praktische Probleme lösen
Sie hatte nie an ein Mathematik-Studium gedacht, aber als einer ihrer Freunde ihr den Flyer der Hochschule zeigte, war sie überzeugt. Denho Rhawi, 23, ist hingegen leidenschaftlicher Mathematiker. Vor seiner Zeit in Wiesbaden studierte er es bereits drei Semester in Regensburg, wechselte aber, als er von dem neuen Fach erfuhr. Er wünschte sich einen höheren Praxisanteil. Schaub und Rhawi gehörten zu der ersten Generation des Studiengangs, der seit 2010 existiert.
"Einfach ins kalte Wasser geworfen"
„Das Besondere ist die Verbindung eines hohen theoretischen Anspruchs, der dem eines klassischen universitären Mathematikstudiums entspricht, mit praktischen Anwendungen und einer naturwissenschaftlichen und technischen Ausrichtung“, erklärt Karlheinz Spindler, Professor für Kontrolltheorie und Parameterschätzung an der Hochschule. Das bedeutet, dass die Studenten lernen, Probleme mathematisch zu modellieren und konkrete Fragestellungen aus dem Alltag zu bearbeiten.
„Man wird einfach ins kalte Wasser geworfen und muss dann eine Lösung finden“, lacht Rhawi. Er findet diese Art der Vorbereitung für das spätere Berufsleben gut. Absolventen des Studienganges haben viele Möglichkeiten: Ob Luft- und Raumfahrt, Automobilbau, Energieversorgung, oder Robotik – Mathematiker sind gefragt. „Theorie ist wichtig und unverzichtbar, aber sie macht mehr Spaß, wenn man sie in Aktion sieht“, sagt Spindler.
Niveau der Studenten steigern
Die Aufgaben, die im Unterricht gelöst werden, sind oft konkrete technische, physikalische oder biologische Fragen: Wie soll man Fangquoten festlegen, damit sich Fischbestände in gewünschter Weise entwickeln? Wie sollen Leitzinsen festgesetzt werden, um die wirtschaftliche Entwicklung zu steuern? Wie oft und in welchen Dosen soll ein Medikament verabreicht werden, um die optimale Heilwirkung zu erzielen? Bei der mathematischen Herangehensweise ist dabei oft nicht entscheidend, um welche Art von konkreter Anwendung es sich handelt. „Es geht um das Herausarbeiten der mathematischen Struktur des Problems“, erklärt Spindler.
Mit der Gründung des Studienganges erhoffte sich die Arbeitsgruppe Mathematik, das mathematische Niveau der Studenten zu steigern. Viele Anwendungsprobleme seien mittlerweile so komplex, dass nur die Benutzung tiefsinniger mathematischer Methoden zu konkreten Problemlösungen führe, sagt Spindler. Zwar gibt es diverse Angebote in Wirtschaftsmathematik, jedoch kaum mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Deshalb holten sich die Forscher für ihre Projekte oft Studenten von anderen Hochschulen.
„Jetzt haben wir unseren eigenen mathematischen Nachwuchs“, freut sich Spindler. In der Angewandten Mathematik gibt es keine Module sondern thematisch festgelegte Veranstaltungen. Das Studium beginnt mit allgemeinen Einführungskursen – Analysis, analytische Geometrie und lineare Algebra. „Man erlernt zunächst die Werkzeuge der Mathematik, die man dann vertieft und immer praktischer anwendet“, erzählt Rhawi.
Wissenschafts- und kulturgeschichtliche Fragestellungen
Das wohl wichtigste Werkzeug ist das Programmieren am Computer. Im fünften und sechsten Fachsemester besteht die Möglichkeit für freie Wahlfächer – etwa Vertiefungen von Grundlagenfächern, wie Statistik und Numerische Mathematik, oder Einführungen in physikalische Theorien, zum Beispiel Quantenmechanik oder Thermodynamik, sowie spezielle Anwendungsgebiete wie die Bild- und Signalverarbeitung. Ebenfalls im fünften und sechsten Semester gibt es jeweils eine Veranstaltung mit dem Titel „Lösen von Anwendungsproblemen“.
Hier werden Probleme, die direkt aus der Industrie oder aus einem laufenden Forschungsprojekt kommen, modelliert, bearbeitet gelöst – etwa die Frage, wie sich das Quietschen von Autobremsen beheben lässt. Ein Industriepraktikum ist dabei möglich, aber nicht verpflichtend. „Außerdem – und das ist eine wirkliche Rarität an deutschen Hochschulen – haben wir im vierten und fünften Semester je ein Seminar, in dem es um wissenschafts- und kulturgeschichtliche Fragestellungen geht, die die Mathematik betreffen“, erklärt Spindler.
Familiäre Atmosphäre
Als Rhawi sein Studium begann, waren es 46 Studienanfänger. Diese Zahl steigt, Spindler spricht sogar von übertroffenen Erwartungen. Vergleicht Rhawi die Studiengänge in Wiesbaden und Regensburg, fällt sein Fazit klar aus: In Wiesbaden ist es weniger theoretisch und sehr familiär. „Im Grunde hätte ich in Regensburg die Formel für die Vernichtung der Welt errechnen können, ohne es zu wissen, wir wussten selten, wieso wir manche Sachen berechnen.“
Vorlesungen waren für ihn früher Vorlesungen im wahrsten Sinne des Wortes. Heute hat Rhawi zu jeder Vorlesung mehrere Übungen. Da diese häufig von den Professoren selbst gehalten werden, können sie beliebig oft jedes Problem erklären. Was die Berufsziele der beiden Studenten angeht, sind sie noch unsicher, doch fest steht, dass sie den Master der angewandten Mathematik belegen wollen. Dieser soll im Wintersemester 2013/2014 anlaufen, wenn die erste Bachelorgeneration ihren Abschluss macht.
Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de/region/hochschulen/11475649_1.htm


