Unternehmensberichte

Wie sieht die Kooperation zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen in der Praxis aus? Welche Vorteile bietet das Duale Studium Hessen für Unternehmen?

Auf den folgenden Seiten berichten Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertreter aus dem Dualen Studium Hessen.

„Wir wollen ein junges Unternehmen bleiben“

ADticket

Das Frankfurter Unternehmen ADticket stellt mit webbasierten Systemen für Veranstalter im Bereich von Theater, Konzerte, Sport, Tourismus und Messen die nötige Infrastruktur für den Ticketverkauf bereit.

Rund 100 Mitarbeiter zählt das Team von ADticket inzwischen, seit 2010 ist das Unternehmen Praxispartner im Dualen Studium Hessen.

Im Interview berichtet Geschäftsführer Helge Hollander von der erfolgreichen Umsetzung des dualen Studiums für sein Unternehmen.

Warum hat sich Ihr Unternehmen für das duale Studium entschieden?

Für uns hat die Ausbildung qualifizierter Nachwuchskräfte einen hohen Stellenwert. Wir bilden bereits seit vielen Jahren aus und haben auch schon mehrere praxisnahe Bachelor- und Masterarbeiten begleitet. Dabei ist das duale Studium, das sehen wir an unseren Bewerberzahlen, für beide Seiten ein attraktives Ausbildungsmodell: Wir suchen Mitarbeiter, die sich mit uns entwickeln und wachsen wollen. Wer sich für ein duales Studium bewirbt, so unsere Erfahrung, bringt diese Bereitschaft mit. Letztlich ist dies also auch ein tragfähiges Instrument der Personalplanung und -entwicklung. Denn bis ein neuer Mitarbeiter vollumfänglich einsatzfähig ist und er das Unternehmen von Grund auf versteht, braucht es eine Einarbeitungszeit von zwei Jahren. Die Investition in das duale Studium zahlt sich daher für uns als Unternehmen gleich mehrfach aus.

Wie organisieren Sie die Praxisphasen im Unternehmen?

Wir bilden mit unserem Partner, der accadis Hochschule, in einem Blockmodell aus: Die Studierenden sind drei Monate an der Hochschule, drei Monate im Betrieb. In den Praxisphasen durchlaufen unsere dual Studierenden wie auch die Auszubildenden sämtliche Abteilungen, um vom Controlling bis zum Marketing alle Arbeitsbereiche von ADticket kennen zu lernen. Dieses Modell hat sich für uns als sinnvoll erwiesen. So können wir mit unseren angehenden Betriebswirten schon bevorzugte Tätigkeitsbereiche und mögliche Einsatzfelder für die Zeit nach dem Studium herausfinden.

Welche Kriterien legen Sie bei der Bewerberauswahl an?

Noten sind wichtig, aber nicht das Entscheidende – die Motivation zählt. Überzeugt hatte mich persönlich schon bei unserer ersten Bewerberin die hohe Motivation, die sie mit der Entscheidung für die Doppelvariante von Studium und Beruf mitbrachte. Die drei Jahre sind dann für beide Seiten eine gute Zeit, um sich intensiv kennen zu lernen und das weitere Entwicklungspotential herauszufinden.

„In der Addition liegt der bedeutende Wert.“

Dietmar Groth

Die DB Systel GmbH , eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn mit Sitz in Frankfurt am Main, und die BA Rhein-Main sind starke Partner seit drei Jahren. Die erfolgreiche Kooperation besteht bereits seit 2006.

Jedes Jahr sind 20 bis 25 Studentinnen und Studenten des Unternehmens bei der BA Rhein-Main eingeschrieben. Herr Dietmar Groth ist Leiter der Ausbildung bei der DB Systel GmbH und gleichzeitig Mitglied des Prüfungsausschusses der Berufsakademie.

Im Interview berichtet er von der erfolgreichen Kooperation zwischen der DB Systel GmbH und der BA Rhein-Main.

Warum hat sich Ihr Unternehmen für die BA-Ausbildung entschieden?

Grundsätzlich halten wir die Kombination aus einer praktischen Berufsausbildung im Unternehmen und einem theoretischen Studium für einen sehr wertvollen Ausbildungsweg. In der heutigen Zeit ist es von entscheidendem Vorteil, Menschen mit theoretischem Background zu beschäftigen, die der Praxis nahe sind. Menschen, die aus der Praxis heraus verstehen, worum es geht, um in der Umsetzung und Veränderung die Systemkomplexitäten der heutigen Zeit vollständig berücksichtigen zu können. In der Addition liegt der bedeutende Wert.

Ein Vollzeitstudium ist häufig sehr wissenschaftlich ausgerichtet, mit geringem Praxisanteil und die herkömmliche Berufsausbildung reicht von den vermittelten Inhalten nicht immer aus. Der kombinierte Ausbildungsgang kann die Bedarfslücke in unserem Ausbildungssystem in vielen Fällen schließen.

Was war ausschlaggebend, die Zusammenarbeit mit der BA Rhein-Main auszuweiten?

Das sind vor allem zwei Gründe: Die optimale Verzahnung von Theorie und Praxis sowie die optimale Größe. Die Verzahnung der Theorie und Praxis wird an der BA Rhein-Main wirklich vorbildlich umgesetzt. Und die optimale Größe gewährleistet eine individuelle Betreuung von Studierenden und Partnerunternehmen. Anonymität gibt es hier nicht. Trotzdem ist die Größe der BA ausreichend, um alle notwendigen Leistungsfelder sicher abzudecken und wir fühlen uns hier sehr individuell betreut.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit konkret?

Die Zusammenarbeit beginnt lange vor der Ausbildung. Die interessierten Unternehmen werden besucht, werden hinsichtlich spezieller Bedarfe, Wünsche und Erwartungen befragt und gehört. Zudem wird das ausbildende Personal der Unternehmen mit den Ausbilderinnen und Ausbildern der BA zusammengeführt. Die BA ist behilflich bei der Zusammenführung von Bewerberinnen und Bewerbern und Unternehmen. Die Vorlesungsinhalte der Theoriephasen sind im Vorwege bekannt und können rechtzeitig um wünschenswerte Aspekte ergänzt werden, wenn dies von Unternehmensseite gewünscht ist. Die Praxisphasen können so geplant werden, dass die jeweils im Studium erlernten theoretischen Grundlagen in der Praxis vertieft werden. Umgekehrt schreiben die Studentinnen und Studenten Praxisberichte, so dass auch die Verantwortlichen an der BA über die Inhalte der Unternehmensausbildung informiert sind.

Darüber hinaus findet ein regelmäßiger Austausch zwischen den Ausbilderinnen und Ausbildern im Unternehmen und der BA statt, um über die Studentinnen und Studenten, deren Stärken und Schwächen und vor allem deren Zukunftsperspektiven zu beraten.

Auch bei der Themenauswahl für Diplom- und Bachelor-Arbeiten bietet die BA Rhein-Main den Unternehmen ideale Bedingungen. Die Studentinnen und Studenten werden im Unternehmen am Ende ihrer Ausbildung in einem bestimmten Projekt eingesetzt und sollen darüber ihre Diplomarbeit schreiben. An der BA lässt sich dann leicht ein Dozent mit entsprechendem Fachwissen finden, der die Studentin oder den Studenten unterstützt und dazu beiträgt, dass die Ergebnisse vorzeigbar und für das Unternehmen sachdienlich genutzt werden können.

Was macht die Absolventen der BA so attraktiv?

Häufiges Defizit in einer Ausbildung ist, dass der zu erlernende Stoff keinen unmittelbaren Bezug zu einer späteren Verwendung bietet. Dieses Defizit ist bei einem Dualen Studium ausgeschlossen, da alle Beteiligten – BA, Partnerunternehmen und Studierende – dazu beitragen, die Themen, die später wirklich gebraucht werden, in den Vordergrund zu stellen. Die Studentinnen und Studenten lernen somit hochgradig effizient. Das motiviert alle Beteiligten. Und diese motivierte Effizienz kommt uns als Unternehmen sehr zu Gute.

Weiterhin wird nicht nur reines Wissen und die Systematik der Wissensaneignung vermittelt, sondern vor allem die Freude am Wissen selbst. Trotz dem überaus anspruchsvollen Pensum, das die Studentinnen und Studenten absolvieren müssen, ist den dualen Studentinnen und Studenten die Freude am Lernen und am Wissen anzumerken. Und diese Freude hört auch dann nicht auf, wenn die BA-Ausbildung abgeschlossen ist. Freude am Lernen ist die Grundvoraussetzung für die Wissensgesellschaft von Morgen. Und auf diese bereitet ein Duales Studium vorbildlich vor.

Interview mit Markus Michels, Geschäftsführer focus Industrieautomation, Merenberg

Markus Michels

Focus Industrieautomation (www.focus-ia.de) ist ein international tätiges Unternehmen der Software-Branche mit den Schwerpunkten IT und Automatisierungstechnik. Das Unternehmen bietet branchenübergreifende Lösungen für die Prozess- und Fertigungsindustrie.

Der Betrieb mit 30 Mitarbeitenden bildet Fachinformatikerinnen und -informatiker für Anwendungsentwicklung aus. Seit 2009 beteiligt sich die Firma am dualen Studienmodell StudiumPlus der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in den Studiengängen Technische Informatik, Elektrotechnik und seit 2017 auch in dem neuen Studiengang Softwaretechnologie. Aktuell sind zwei dual Studierende beschäftigt.

Gibt es aufgrund Ihrer Erfahrungen spezielle Anforderungen und Voraussetzungen, die ein Unternehmen für eine Beteiligung am dualen Studium erfüllen sollte?

Michels: Grundsätzlich ist von Vorteil, wenn man schon Ausbildungsbetrieb ist und hier auf Erfahrungen zurückgreifen kann. Man muss sich im Betrieb ja adäquat um die Studierenden kümmern können. Die Praxisphasen müssen gut betreut und begleitet werden, man muss die Themen für die Praxisarbeiten definieren, die inhaltlich zum Unternehmen passen, aber auch ein akademisch angemessenes Niveau haben sollen. Hier ist gute Betreuung notwendig und da war für uns hilfreich, dass wir aus der dualen Ausbildung schon Erfahrungen hatten.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihren Bildungspartner für duale Studiengänge ausgesucht?

Bei der THM ist neben dem passenden Studienangebot natürlich auch die regionale Nähe entscheidend. Unsere dualen Studenten studieren am Standort Wetzlar, das ist für uns ideal, ebenso wie der neu hinzugekommene Studienstandort Limburg. Es finden im Rahmen des dualen Studiums ja auch immer wieder Termine an der Hochschule statt, an denen wir teilnehmen, das ist aufgrund der räumlichen Nähe auch gut für mich machbar, weil ich nur eine halbe Stunde Anfahrtsweg habe.

Da kann man meines Erachtens auch keine allgemeingültige Empfehlung für nur einen einzigen Bildungsanbieter abgeben, letztendlich müssen die Fachrichtungen und Inhalte zum Unternehmen passen, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass man die Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium ja auch übernehmen will.

Welche Anforderungen hat die THM an Ihr Unternehmen gestellt? Waren besondere Vorbereitungen wichtig?

Michels: Vor allem müssen die fachlichen Kompetenzen im Unternehmen vorhanden sein. Also, wenn ich beispielsweise Elektrotechnik anbiete, dann brauche ich auch Leute im Unternehmen, die das beherrschen und vermitteln können. Sinnvoll ist sicher auch, dass die oder der Praxisbetreuende im Unternehmen über einen gleichwertigen Abschluss verfügt, denn spätestens in der ersten Praxisphase muss ja die Leistung der Studierenden bewertet werden. Und das geht nur, wenn man fachlich Ahnung vom Thema hat und in der gleichen Liga spielt.

Wie lange war die Vorlaufzeit, bis die Kooperation mit der Hochschule zustande kam?

Michels: Die Abstimmung mit der THM ging damals relativ schnell, ich denke, das war ein Zeitraum von ungefähr drei Monaten. Allerdings war der Entscheidungsprozess, also die generelle Frage, ob wir uns am dualen Studium beteiligen oder nicht, deutlich länger. Nach der grundlegenden Entscheidung ging es dann recht schnell. Wir hatten uns damals überlegt, dass wir das duale Studium gerne anbieten möchten, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu rekrutieren.

Haben Sie Tipps für Unternehmen, die noch in der Entscheidungsfindung sind?

Michels: Bei der Entscheidung, sich am dualen Studium zu beteiligen, muss man sich als Unternehmen die Frage stellen: Was will ich damit erreichen, was ist mein mittelfristiges Ziel? Wenn ich dual Studierende einstelle, dann kostet mich die Person ja erst einmal Geld und steht mir nur eingeschränkt zur Verfügung. Zwar kann sie oder er in der Praxisphase durchaus einen Beitrag für das Unternehmen leisten, aber der Mehrwert und Nutzen für das Unternehmen stellt sich ja erst mittelfristig ein, wenn die Nachwuchskraft tatsächlich im Unternehmen verbleibt.

Ganz praktisch würde ich empfehlen, sich mit der Hochschule oder Berufsakademie auseinanderzusetzen, einen Termin zu machen und sich umfassend zu informieren. Das Angebot sollte man als Unternehmen nutzen. Die THM bietet beispielsweise auch Netzwerkveranstaltungen, wo Austauschmöglichkeiten mit anderen Unternehmen bestehen. Für mich ist dabei interessant, dass ich auf Unternehmen aus ganz anderen Branchen treffe, zu denen ich sonst gar keinen Kontakt hätte. So kann man in lockerer Runde ganz zwanglos das ein oder andere Thema besprechen und Fragen klären. Das finde ich immer recht interessant. Und gerade wenn man als Unternehmen neu in das duale Studium einsteigen möchte, kann ich das nur empfehlen.

Wie läuft die Bewerbersuche? Unterstützt Sie die Hochschule bei der Suche nach geeigneten Bewerbern?

Michels: Die THM hat ein Portal für Stellenausschreibungen, dort können wir uns als Unternehmen mit unseren Angeboten eintragen lassen. Die offenen Stellen werden einmal jährlich im Vorfeld von der THM abgefragt. Wir sind aber auch sehr viel auf Bildungsmessen unterwegs und beteiligen uns an Schulveranstaltungen zur Berufsorientierung, um unsere Ausbildungsstellen und dualen Studiengänge zu bewerben.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Hochschule?

Michels: Die Abstimmung mit der THM funktioniert sehr gut, auch mit den Ansprechpersonen haben wir positiven Austausch, man trifft sich auch immer wieder mal auf den Bildungsmessen. Aber auch der Austausch mit den Lehrenden während der Praxisphasen funktioniert sehr gut.

Das heißt, die betreuenden Professorinnen und Professoren kommen während der Praxisphase zu Ihnen ins Unternehmen?

Michels: Ja, mindestens einmal pro Praxisphase. Das ist auch notwendig, denn wenn es später um die Bewertung der Leistung in den Praxisphasen geht, dann ist es sehr hilfreich, wenn sich Praxisbetreuende und betreuende Lehrende schon einmal getroffen und ausgetauscht haben.

In welchem Umfang können die akademischen Inhalte in den Praxisphasen umgesetzt werden?

Michels: Für den Bereich Elektrotechnik würde ich sagen, etwa 70 Prozent können umgesetzt werden, aber auch erst in den höheren Semestern. In den ersten beiden Semestern ist es immer ein bisschen schwierig, denn da erfolgt vor allem Grundlagenvermittlung. Wir als Software-Unternehmen haben da nicht so die Transfermöglichkeit, und die Programmierthemen kommen erst in den höheren Semestern, vor allem auch in den Wahlpflichtfächern. Da kommen wir dann auf etwa 70 Prozent Theorie-Praxis-Transfer.

Bestimmen Sie die Inhalte der Praxisphasen selbst oder gibt es Vorgaben von der Hochschule?

Michels: Die Inhalte werden von uns in Abstimmung mit der Hochschule festgelegt. Es gibt ein Modulblatt für die Praxisphase, dort tragen wir das Thema ein und melden es an die Hochschule zurück. Nach Ende der Praxisphase präsentieren die Studierenden ihre Ergebnisse an der Hochschule. Bei diesen Terminen sind die Praxisbetreuenden dabei, so haben wir auch einen ganz guten Vergleich mit anderen Arbeiten.

Wir haben schon den Anspruch, dass unsere Praxisthemen vom Niveau her angemessen und relevant für das Unternehmen sind. Da stellen wir aber durchaus Unterschiede im Vergleich mit anderen Unternehmen fest. Unsere Themen sind meist aus der Programmierung, wobei der Anspruch mit dem Studienverlauf steigt. Wir versuchen auch, dass wir das Projekt später wiederverwerten können, was aber nicht immer klappt.

Nach welchen Kriterien werden die Leistungen der Praxisphase benotet?

Michels: Es gab eine Vorgabe von der Hochschule. Aber wir haben hier zusätzlich intern ein eigenes Bewertungsschema, einen Kriterienkatalog mit mehreren Punkten, die wir zur Bewertung anlegen. Also etwa, wie engagiert ein Studierender ist, oder Softskills wie Zuverlässigkeit, aber auch fachlich-technische Aspekte.

Sie verwenden also ein standardisiertes Bewertungsschema?

Michels: Ja, genau. Das haben wir für uns ausgearbeitet und benutzen es auch in etwas abgespeckter Form für die Beurteilung von Praktikanten, die auch immer ein qualifiziertes Zeugnis bekommen. Das Schema hilft uns auch bei der Abstimmung mit der Hochschule, da muss man ja begründen können, wie die Beurteilung zustande gekommen ist.

Sind nach Ihrer Meinung die Leistungen der Praxisphasen in der Studienleistung ausreichend berücksichtigt?

Michels: Ich finde die geltenden Regelungen in Ordnung. Ein duales Studium ist immer noch ein vollwertiges Hochschulstudium, bei dem der Schwerpunkt auf der Vermittlung von wissenschaftlichen Kenntnissen und Herangehensweisen liegt. Das ist der Werkzeugkasten, den ich nachher im Berufsleben brauche. Im Studium bekommt man sicherlich mehr Inhalte vermittelt, als man später verwenden kann. Im dualen Studium ist das noch etwas stärker auf die Berufsbefähigung zugeschnitten als im Regelstudium. Aber von dem, was ich beispielsweise während meines Studiums gelernt habe, brauche ich heute nur einen kleinen Teil. Aber letztendlich geht es um die Herangehensweise, die man im Studium lernt. Von daher finde ich schon, dass das die Gewichtung in Ordnung ist.

Was würden Sie einem Unternehmer mit auf den Weg geben, der sich überlegt, das duale Studium anzubieten?

Michels: Ich finde es interessant, dass es immer noch Betriebe gibt, die noch gar nicht darüber nachgedacht haben, gerade im Hinblick auf den immer größer werdenden Mangel an Fachkräften. Klar, der Wettbewerb wird größer, wenn sich immer mehr Unternehmen am dualen Studium beteiligen und Stellen ausschreiben. Aber junge Menschen mit Schulabschluss fordern das ein, die wollen das machen, also muss ich mich als Unternehmen darauf einstellen. Wenn ich übermorgen nicht ohne Personal da stehen will, dann muss ich da was tun. Der Fachkräftebedarf erfordert neue Wege, und da kommt man am dualen Studium einfach nicht vorbei.

Vom Azubi zum dualen Studenten: Hessischer Modellversuch ermöglicht Studium ohne Abitur

Leifheit

Nassau/Limburg. Ob Wäschespinne, Bodenreiniger oder Fenstersauger – kaum ein Haushalt in Deutschland, der nicht über mindestens eines der türkisgrünen Produkte der Leifheit AG aus dem rheinland-pfälzischen Luftkurort Nassau verfügt. Unter dem Motto „so geht Haushalt heute“ bietet das über 1.000 Mitarbeiter starke Traditionsunternehmen seit fast 60 Jahren Produkte aus den Bereichen Reinigen, Wäschepflege, Küche und Well-Being an. Seit Jahrzehnten wird in dem Unternehmen aber auch die Qualifikation von Nachwuchskräften ganz groß geschrieben. Gleich zwei junge Männer absolvieren zurzeit ihr duales Studium bei Leifheit.

Der 20-jährige Jan Behrens und der ein Jahr ältere Manuel Metz belegen den Bachelor-Studiengang Ingenieurwesen Maschinenbau beim dualen Studienprogramm StudiumPlus der Technischen Hochschule Mittelhessen, das Partner im Dualen Studium Hessen ist. Vorab hatten beide schon ihre Ausbildung bei Leifheit absolviert, Metz zum Werkzeugmechaniker und Behrens zum Industriemechaniker. Gemeinsam haben die beiden jungen Männer, dass sie ohne Abitur studieren, was an hessischen Hochschulen momentan im Rahmen eines Modellversuchs möglich ist. „Um das zu bewältigen, ist schon eine Menge Eigeninitiative gefordert, da wir insbesondere zu Beginn des Studiums einiges an Stoff nachholen mussten“, berichtet Behrens. Allerdings hätten die beiden auch Vorteile gegenüber den Kommilitonen mit klassischer Hochschulreife, erklärt Metz: „Durch unsere Ausbildung bringen wir Praxiserfahrung mit, die wir den Abiturienten voraushaben.“

Betreut werden die beiden Studenten von Jan Niklas Bär, der bei Leifheit als Projektmanager im Bereich Engineering tätig ist. Vom Konzept ist er vollkommen überzeugt: „Das duale Studium verbindet aktuelles Wissen aus der Hochschule mit intensiver Betreuung im Unternehmen, davon profitieren die Studierenden ganz immens.“ In den Praxisphasen, die bei StudiumPlus etwa die Hälfte der Studienzeit umfassen, bearbeiten die Studierenden eigenverantwortlich Projekte, die das Unternehmen tatsächlich weiter bringen. In ihrer ersten Praxisphase waren die beiden Studenten gemeinsam in einem Projekt eingesetzt, für das sie sogar nach Blatná in Tschechien reisen durften, wo Leifheit einen Produktionsstandort hat.

Kerngegenstand des Projekts war die Optimierung der Bestückung einer Pulverbeschichtungsanlage mit Rohrteilen, die später unter anderem im Wäschetrockner „Pegasus“ verbaut werden. „Es war toll, vor Ort zu sehen, wie die Fertigungsprozesse ablaufen und unsere Optimierungsvorschläge im Sinne der so genannten „Lean Production“ einbringen zu können“, schwärmt Behrens. „Die Aufgabe war eine große Herausforderung für uns, aber wir haben unglaublich viel gelernt“, ergänzt Metz. „Was wir im ersten Semester im Modul CAD gelernt haben, konnten wir direkt in der Praxis anwenden. Und es ist ein großes Erfolgserlebnis, dass unsere aus dem Projekt gewonnen Anregungen zukünftig umgesetzt werden“, freuen sich die beiden.

Interview mit Nadja Sauerwein, Personalentwicklung, R+V Allgemeine Versicherung AG

R + V

Die R+V Versicherung beschäftigt deutschlandweit ca. 15.000 Mitarbeiter, darunter aktuell 454 Auszubildende und dual Studierende. Eine duale Ausbildung kann als Kaufmann bzw. Kauffrau für Versicherung und Finanzen und Fachinformatiker/in absolviert werden. Zu den angebotenen dualen Studiengängen gehört unter anderem der Bachelor of Science in Versicherungs- und Finanzwirtschaft und der Bachelor of Science in Angewandter Informatik oder Wirtschaftsinformatik.

Gibt es nach Ihren Erfahrungen spezielle Anforderungen und Voraussetzungen, die ein Unternehmen für eine Beteiligung am dualen Studium erfüllen sollte?

Sauerwein: Erst einmal ist es wichtig, dass man als Unternehmen bereit ist, die finanziellen Voraussetzungen zu erfüllen. Nachwuchskräfte im dualen Studium sind keine billigen Arbeitskräfte, sondern sollten als Investition in die Fach- und Führungskräfte von morgen gesehen werden.

Sehr häufig unterschätzen Unternehmen auch den erforderlichen Betreuungsaufwand. Hier ist Voraussetzung, dass ausreichend Fachkräfte im Unternehmen sind, die auch Kapazitäten haben, die Studierenden zu betreuen. Die Nachwuchskräfte kommen direkt nach ihrem Schulabschluss mit Abitur oder Fachabitur ins Unternehmen. Sie sind wie ein weißes Blatt Papier und wissen über den Geschäftsbereich Versicherungen nahezu gar nichts. Da muss man erst einmal viel Zeit in die Betreuung investieren. Dabei sollten die Betreuenden neben der fachlichen Qualifikation auch Spaß am Umgang mit jungen Menschen haben.

Was waren bei der Auswahl der Bildungsanbieter die entscheidenden Kriterien für Ihr Unternehmen?

Sauerwein: Prinzipiell gehen wir so vor, dass wir uns zunächst die Inhalte eines Studiengangs anschauen und prüfen, ob das zu unserer Praxis passt. Wir haben ganz verschiedene Sparten und Abteilungen, die unterschiedliche Anforderungen an das Studium haben. Nach Studienabschluss sollen die Fachkräfte über Spezialwissen verfügen, deswegen achten wir ganz genau auf die Studieninhalte und den Ablauf. Wir prüfen auch, ob der Studiengang ausbildungsintegriert ist, wie das Zeitmodell aussieht und wir berücksichtigen, ob wir mit der entsprechenden Hochschule bereits kooperieren. Wenn bereits eine Kooperation besteht, mindert es das Risiko und macht die Koordination einfacher.

Wie lange war die Vorlaufzeit, bis die Kooperation mit dem Bildungsanbieter zustande kam und welche Tipps können Sie anderen Unternehmen geben, die sich an dualen Studienmodellen beteiligen wollen?

Sauerwein: Wenn wir eine neue Ausbildungsmöglichkeit über ein duales Studium anbieten möchten, starten wir etwa ein Jahr im Voraus mit der Planung. Der Vorlauf ist schon wegen der internen Prozesse und Vorbereitung notwendig. Auch die Hochschule benötigt Planungsvorlauf und muss wissen, mit wie vielen Studierenden in den nächsten Anfangssemestern zu rechnen ist. Im Unternehmen muss sich auch rechtzeitig um die Rekrutierung gekümmert und etwa ein Jahr vorher die dualen Studienplätze ausgeschrieben werden. Wenn man ein Jahr vor Studienbeginn noch nicht weiß, mit welcher Hochschule man kooperiert, wird es schwierig.

Unternehmen, die sich neu am dualen Studienmodell beteiligen möchten, rate ich, sich mit anderen Unternehmen auszutauschen, die schon im entsprechenden Studiengang Kooperationspartner sind. Auf den Webseiten der Bildungsanbieter gibt es meist eine Auflistung der Kooperationsunternehmen. So können einfach ein paar Unternehmen kontaktiert werden und um Austausch gebeten werden. Der Austausch hilft auf jeden Fall und beantwortet wichtige Fragen, die bei der Planung aufkommen. Wir haben bei den ausbildungsintegrierten Studiengängen auch immer mit der IHK gesprochen, wie auch mit den Hochschulen. Mit den Ansprechpartnern kann man das Konzept durchgehen und offene Fragen klären.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihren Bildungspartnern generell?

Sauerwein: Die Zusammenarbeit läuft immer sehr gut. Wir haben einmal im Semester Austauschtermine mit den Bildungspartnern, bei denen wir in die Hochschule eingeladen werden. Dabei kommen Vertreter und Vertreterinnen der Kooperationspartner zusammen und es wird vorgestellt, was es Neues gibt und welche Anpassungen in dem Curriculum vorgenommen werden. Als Kooperationspartner kann man Feedback geben, was immer gut angenommen wird. Neben diesen Terminen gibt es immer die Möglichkeit, sich an die Ansprechpartner der Hochschule zu wenden und bilateral Fragen zu klären.

Erhalten Sie Rückmeldungen von den Bildungsanbietern zu den akademischen Leistungen Ihrer dual Studierenden?

Sauerwein: Nein, die Bildungsanbieter geben uns hierzu keine Informationen. Wir haben eine interne Regelung mit den Studierenden, dass sie uns nach jedem Semester ihre Leistungsübersicht mit den Noten zuschicken. Das dient weniger der Leistungskontrolle sondern vielmehr darum, dass wir rechtzeitig Probleme erkennen können und unterstützen können.

Wie werden dual Studierende in den Praxisphasen bei der Entwicklung von Handlungskompetenzen unterstützt?

Sauerwein: Für alle Studierenden wie auch für die Auszubildenden gibt es zu Studienbeginn eine Einführungsphase mit den Verantwortlichen aus der Personalentwicklung. Wir bieten Schulungen zu Lern- und Arbeitsstrategien, Gesundheitsthemen, Technik- und Versicherungsthemen, aber auch Seminare zu Soft Skills, Teambuilding, etc., an.

Handlungskompetenzen werden über die kompletten Praxisphasen gefördert, da die Studierenden in den Fachabteilungen anspruchsvolle Aufgaben erhalten. Wir haben auch so genannte Azubi-Projekte, bei denen Studierende mit Azubis über ganz Deutschland verteilt in Projekten arbeiten. Hier werden unter anderem agile Projektmethoden wie Scrum eingesetzt, die das eigenverantwortliche Arbeiten fördern.

Darüber hinaus bekommen die Studierenden regelmäßig Feedback in den Fachabteilungen, wodurch die Persönlichkeit und auch die Fachkenntnisse gestärkt werden.

Wie gestalten sich die Projektarbeiten dual Studierender in den Praxisphasen?

Sauerwein: Wie bei dem Azubi-Projekt mit agilen Projektmethoden geht es um eigenverantwortliches Arbeiten, aber die Studierenden arbeiten soweit möglich auch in den Fachbereichen im Projekt- und Tagesgeschäft mit. Dabei werden die Studierenden von ihren Fachausbildern im Fachbereich unterstützt und erhalten angepasst an ihren Lernstand entsprechend eigenständige Aufgaben.

Welche Instrumente nutzen Sie zur Steuerung? Gibt es Ausbildungs-, Qualifizierungs- bzw. Ablaufpläne und Feedbackmöglichkeit für dual Studierende?

Sauerwein: Wir haben zum einen die bereits beschriebene Einarbeitungsphase, bei der die Studierenden bei uns in der Personalentwicklung bzw. Organisationsentwicklung sind, an Schulungen teilnehmen und sich gegenseitig kennenlernen. Darüber hinaus erhält jeder Studierende einen Einarbeitungsplan. Diese Einarbeitungspläne werden vorab mit der Ausbildungsabteilung abstimmt, so dass für jede Studierende bzw. jeden Studierenden ein strukturierter Ablaufplan vorliegt. Hinzu kommen Ausbildungspläne als ein klar strukturiertes Instrument.

Außerdem haben wir individuelle Qualifizierungspläne in den Abteilungen. Hier wird immer wieder geschaut, wie sich die Studierenden entwickeln, wie der Fortschritt ist und welche Schulungen oder Hospitationen individuell noch benötigt werden. Nach jeder Praxisphase oder spätestens nach sechs Monaten erhalten die Studierenden eine Beurteilung. Dafür haben wir einen standardisierten Beurteilungsbogen, den jeder Ausbilder bzw. jede Ausbilderin nutzt. Für alle Studierenden und Auszubildenden gelten die gleichen Kriterien, die vorher mit den Auszubildenden und Studierenden besprochen werden. Dazu kommen kleinere Feedback-Gespräche, die zwischendurch geführt werden.

Alle drei bis sechs Monate gibt es noch Austauschtermine mit der Ausbildungsabteilung, also zwischen den Studierenden und der Ausbildungsabteilung, aber auch zwischen den Ausbildenden und der Ausbildungsabteilung.

Studierenden erhalten auch die Möglichkeit, ihrerseits Feedback zu geben, auch dafür gibt es einen standardisierten Feedbackbogen. Dadurch besteht die Möglichkeit, die Ausbildung mitzugestalten. Es gibt diverse festgelegte Schritte für bestimmte Gespräche mit den Studierenden und der Fachabteilung, damit der oder die Studierende auch frühzeitig weiß, wie die Übernahmemöglichkeiten aussehen und an welchem Punkt der Ausbildung er oder sie sich gerade befindet. Die Prozesse sind bei uns, soweit es geht, einheitlich innerhalb der jeweiligen Modelle und Studiengänge.

Diese klaren Prozessstrukturen und Standards sind notwendig, um in einem großen Unternehmen eine gute Organisation der Ausbildung zu gewährleisten. Die Studierenden unterhalten sich ja auch untereinander, da ist es wichtig, dass die Abläufe einheitlich und vergleichbar sind.

Wie gehen Sie im Unternehmen mit Lernschwierigkeiten um? Gibt es Unterstützung im Unternehmen, beispielsweise Mentoring oder unterstützen sich die Studierenden gegenseitig?

Sauerwein: Sowohl als auch. Wenn wir merken, dass eine Studierende bzw. ein Studierender Lernschwierigkeiten hat, ist das erste Instrument Nachhilfe, entweder mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem gleichen Jahrgang oder auch aus höheren Jahrgängen. Wenn beispielsweise jemand durch eine Prüfung gefallen ist, dann schauen wir, wer den Stoff gut bewältigt hat und bringen die beiden zusammen. Das ist auch während der Arbeitszeit in regelmäßigen Abständen möglich, etwa einmal pro Woche.

Zum anderen haben wir auch klassische Unterstützung durch die Ausbildungsabteilung und wir bieten Kurse zur Prüfungsvorbereitung an. Wir unterstützen auch durch individuelle Lernbegleitung, wenn wir bemerken, dass eine Studierende bzw. ein Studierender intensiver begleitet werden muss, etwa indem wir gemeinsam einen Lernplan erstellen.

Gibt es zum Abschluss noch etwas, was Sie einem Unternehmen, das sich für eine Beteiligung am dualen Studienmodell interessiert, mit auf den Weg geben möchten?

Sauerwein: Aus unserer Erfahrung lohnt es sich, dual Studierende einzusetzen. Man bekommt dadurch frischen Wind in das Unternehmen. Die Studierenden sind meistens hoch motiviert und nach dem Studienabschluss hat das Unternehmen sehr gut ausgebildete Fachkräfte, auch wenn man am Anfang viel anleiten muss und der Betreuungsaufwand nicht unterschätzt werden sollte. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und werden das Programm noch weiter ausbauen.